Rede von Nadir Sevis anlässlich des Starts der Kampagne für eine kultursensible Altenhilfe „Aufeinander zugehen – voneinander lernen“ am 1. Oktober 2004 in Berlin

Nadir Sevis
Nadir Sevis - Vorsitzender VIA e.V.


Guten Morgen sehr geehrte Damen und Herren,

die erste Arbeitnehmergeneration aus den ehemaligen Anwerbestaaten, die seit ca. 50 Jahren in Deutschland lebt und arbeitet, scheidet nun in größer werdender Zahl aus dem Erwerbsleben als Rentner oder Frührentner aus oder ist bereits ausgeschieden.

Dieser natürliche Lebensabschnitt zwingt sie zu einer Neuorientierung und Neuplanung des Lebens.

Für viele ist dieser Schritt mit sehr negativen Begleitumständen verbunden, da aufgrund der Isolation und persönlichen Einsamkeit in Ledigenheimen zu Beginn ihres Aufenthaltes in Deutschland kaum das öffentliche Leben wahrgenommen wird.

Hinzu kommen die Arbeitsbedingungen: Dauerhaft hohe Überstunden, um in möglichst kurzer Zeit viel Geld für sich und ihre Familien zu verdienen und dies verbunden mit Arbeiten, die in hohem Maße gesundheitsschädlich sind (z.B. körperlich schwere Arbeit, Schicht- und Akkordarbeit). Auch der Stress, den Arbeitsplatz zu verlieren und Angst, aufgrund der Sprachschwierigkeiten, nicht zu verstehen und nicht verstanden zu werden.

Aufgrund dieser Belastungen bleibt kaum die Gelegenheit, die Möglichkeiten und Angebote, die dem älter werdenden Menschen geboten werden, überhaupt wahrzunehmen – geschweige denn, sich selbst einzubringen.

„Man“ bleibt unter sich, da wird „man“ verstanden, sowohl sprachlich als auch kulturell. Die Sprache des neuen „Heimatlandes“ wird nicht gelernt aufgrund der Isolation in der Freizeit. Dazu kommt in hohem Maße das Desinteresse von Deutschen und „Ausländern“, sich kennen zu lernen und nicht nur nebeneinander her zu leben. Die spärlichen Kontakte zu Deutschen während der Berufstätigkeit, reißen oft gänzlich ab. Dadurch gehen die zuvor vorhandenen Sprachkenntnisse auch noch verloren.

Die älteren Migrantinnen und Migranten fühlen sich hilflos, wenn sie ihre engsten Freunde und Familienangehörigen verloren haben. Es gibt nicht mehr die „Auffangfamilie“, in welcher die Kinder mit unter einem Dach leben. Die früheren starken Bindungen innerhalb der Familie sind sowohl in den Heimatländern als auch besonders in der Migration größtenteils zerbrochen. Dieses bedeutet vor allem für die ältere Generation den Zwang, außerfamiliäre Versorgungsangebote wie Altenheime, Altentagesstätten usw. in Anspruch nehmen zu müssen.

Doch viele alte Migrantinnen und Migranten schrecken vor diesem Schritt zurück; denn es fehlen qualifizierte Mitarbeiter, die mit der Situation und den spezifischen Bedürfnissen von ihnen vertraut sind.

Wichtig ist daher, dass die Informationsveranstaltungen zu den Angeboten (häusliche Pflege, Haushaltshilfen, die Einrichtung „Essen auf Rädern“) an einem bekannten und vertrauten Ort durchgeführt werden und die Veranstalter der Zielgruppe bekannt sind.

Um in Zukunft alten Migrantinnen und Migranten ein menschenwürdiges Leben in unserer Gesellschaft zu gewährleisten, werden Neuorientierungen und die Bereitschaft zu Lernen vonnöten sein, sowohl bei den Versorgungseinrichtungen als auch bei den SeniorInnen selbst.

Aus „Gastarbeitern“ sollen keine „Gastrentner“ werden