„Und wo bleibe ich?“  
Integration von Jugendlichen durch interkulturelles Theater

Rund 15 Prozent der 24.000 Einwohner Lindaus haben einen Migrationshintergrund. Jugendliche aus Zuwandererfamilien kämpfen je nach Aufenthaltsdauer und -status sowie der Herkunft im Alltag mit einer Vielzahl von belastenden Faktoren. Unzureichende Sprachkenntnisse sind die Hauptursache für schulische Probleme und darauf folgend einer geringeren Qualifizierung. Hinzu kommen die fehlende Orientierung über bestehende Strukturen und Unterstützungsmaßnahmen, welche meist auch nur von Jugendlichen mit relativ gesichertem Aufenthaltsstatus in Anspruch genommen werden dürfen. Oft erleben die Jugendlichen ihre Eltern in einer hilflosen Lage, die sie in ihrer Funktion als Identifikationsfigur stark beeinträchtigt. Da Kinder aus Zuwandererfamilien häufiger besser deutsch sprechen als ihre Eltern, werden sie von ihren Eltern zum Dolmetschen und zur Erledigung alltäglicher Besorgungen beauftragt, was angesichts der übertragenen Verantwortung eine erhebliche Belastung der Kinder und Jugendlichen bedeutet. Traumatische Erinnerungen an das Herkunftsland, der Verlust von Freunden und Verwandten, eine unsichere Lage in Deutschland sind weitere Faktoren, welche junge Zuwanderer stark belasten. Hinzu kommt der Spagat zwischen den Kulturen und verschiedenen Rollenvorstellungen, der sich besonders stark auf junge Mädchen auswirken.

Um diesen Problemen zu begegnen und präventiv gegen die Herausbildung von deviantem Verhalten, Überforderungserscheinungen, Schulabbruch etc. zu wirken, sind eine Vielzahl von kleinen, für Jugendliche attraktive und unbürokratische Maßnahmen nötig. Eine solche Maßnahme ist das Projekt „Und wo bleibe ich?“ des Vereins exilio – Hilfe für Migranten, Flüchtlinge und Folterüberlebende e.V. Durch die gemeinsame Entwicklung und Umsetzung eines Tanztheaterstücks unter der Leitung von Juliette Hathaway, einer 22jährigen Studentin der Sozialen Arbeit, kommen deutsche und ausländische Jugendliche aus Lindau zusammen und setzen sich kreativ mit ihrer unterschiedlichen kulturellen Herkunft, verschiedenen Werten und Normen auseinander. Im Vordergrund stehen das Rollenverständnis von jungen Mädchen, das Verständnis von Gleichberechtigung und des Geschlechterverhältnisses vor dem Hintergrund unterschiedlicher kultureller Herkunft. Durch die gemeinsame Aktivität von deutschen und ausländischen Jugendlichen kommt ein Austausch ganz von selbst zu Stande, vor allem, wenn es sich um ein kreatives Projekt wie das beschriebene Tanztheater handelt. Dabei ist das Besondere an dem Vorhaben, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer alle Schritte der Aufführung selbst entwerfen (Requisiten, Kostüme, Choreographie, Flyer und Plakate) und gemeinsam Entscheidungen treffen. Neben der sprachlichen Förderung der jungen Migranten findet so auch eine Stärkung sozialer Kompetenzen wie Durchsetzungs- und Kompromissfähigkeit statt. Das vom Programm „100x1000“ der EU-Kampagne „Jugend für Europa“ geförderte Projekt wird noch im Oktober beginnen und endet kurz vor Weihnachten mit der Aufführung des Stücks.

Probe- und Aufführungsort ist die Kulturbrücke – interkulturelles generationenübergreifendes Bildungs- und Begegnungszentrum Lindau. Die von exilio e.V. vor wenigen Monaten ins Leben gerufene Einrichtung ist ein Ort des Austauschs und des Dialogs. Über Treffpunkte wie Frauenfrühstück oder Gemeinsamer Mittagstisch, Sprach-, Bildungs- und Kreativkurse, Beratungsangebote und Kulturveranstaltungen kommen sich Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft näher. Viele Mütter der am Theaterprojekt interessierten Jugendlichen nehmen die Angebote gerne wahr und haben Vertrauen in die Einrichtung entwickelt, so dass sie auch keine Bedenken haben, ihre Kinder zu entsprechenden Angeboten anzumelden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Projekt werden so über ihre Eltern oder über andere Angebote in der Kulturbrücke erreicht, aber auch über die aufsuchende Arbeit von exilio und verschiedenen Kooperationspartnern (z.B. Jugendamt Lindau, Kinderschutzbund etc.).

Durch das Projekt können die Jugendlichen sich ausprobieren, ihre Probleme ausdrücken, gemeinsam nach Lösungen suchen und interkulturelle Freundschaften schließen. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung – um Migrantenjugendliche zu entlasten, ihre Kompetenzen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken sowie eine gegenseitige Verständigung und Toleranz von In- und Ausländern zu erreichen.


exilio
Lindau

Kontakt:
Kulturbrücke, Holdereggenstr. 1, 88131 Lindau
Ansprechpartnerin: Juliette Hathaway
Tel.: 08382 – 2738348
email: info@exilio.de
Spendenkonto:
Sparkasse Memmingen-Lindau
BLZ: 733 698 21
Konto-Nr.: 104 479 51
Stichwort: Interkultur